Anomalisa

USA 2016

Michael ist ein profilierter Experte auf dem Gebiet des Kundenservice und anlässlich eines Kongresses für eine Nacht in einem Luxushotel in einer fremden Stadt abgestiegen. Schnell wird klar, Michael geht es schlecht: innerlich isoliert von den Mitmenschen, scheinen alle anderen nur Variationen des Fremden zu sein, alle sehen gleich aus und reden buchstäblich mit derselben Stimme. Michael trinkt viel und leidet offenkundig an Depressionen mit Tendenz zur Psychose. Bis er plötzlich im Einerlei eine Anomalie wahrnimmt – es ist die Stimme von Lisa und er verfällt ihr sofort und bedingungslos. Die Begegnung mit ihr wird alles verändern, sein Leben vom Kopf auf die Füße stellen, ihn heilen! Oder?

Regie
Duke Johnson, Charlie Kaufman
Länge
91 min

Charlie Kaufmann, der Autor einiger der abgefahrensten und vertracktesten Geschichten der frühen 2000er, hat nach langer Pause wieder einen Film gemacht - eine bittersüße Erfahrung! Michael ist ein profilierter Experte auf dem Gebiet des Kundenservice und anlässlich eines Kongresses für eine Nacht in einem Luxushotel in einer fremden Stadt abgestiegen. Schnell wird klar, Michael geht es schlecht: innerlich isoliert von den Mitmenschen, scheinen alle anderen nur Variationen des Fremden zu sein, alle sehen gleich aus und reden buchstäblich mit derselben Stimme. Michael trinkt viel und leidet offenkundig an Depressionen mit Tendenz zur Psychose. Bis er plötzlich im Einerlei eine Anomalie wahrnimmt – es ist die Stimme von Lisa und er verfällt ihr sofort und bedingungslos. Die Begegnung mit ihr wird alles verändern, sein Leben vom Kopf auf die Füße stellen, ihn heilen! Oder? Kaufmann ist ganz der Alte: subversiv, überraschend, ironisch, einzigartig Ich gestehe, die Kombination der Begriffe 'neuer Kaufmann-Film' und 'Animation' verleitete mich zu überhitzten Erwartungen: Kaufmann ist ein Meister darin, die Realität bis ins Fantastische zu Verzerren - was wird er dann erst mit einem Medium anfangen, welches der Fantasie von vornerein keinerlei Grenzen setzt? Nun, er nutzt es natürlich, um mit maximalem Aufwand und detailgetreu die mondäne Realität abzubilden und eine recht gradlinige und introvertierte Geschichte zu erzählen, die fast komplett an einem einzigen Handlungsort stattfindet. Womit bewiesen wäre, dass er ganz der Alte ist: subversiv, überraschend, ironisch, einzigartig. Selber schuld, wenn ich kurz aber heftig enttäuscht war. Inzwischen bewundere ich all dies: die wunderschönen Bilder, den liebevollen, intimen Blick auf Speckrollen und ungelenken Sex, die zurückgenommenen Skurrilitäten, den verhaltenen Witz, den ehrlichen, sehr persönlichen Umgang mit Thema und Erkenntnisinteresse des Films - dem Wendepunkt einer inneren Krise. Die Wendung mag uns nicht zusagen, aber der Film erzählt, durch Stop Motion 'bis zur Kenntlichkeit entstellt', vom echten Leben. Und das ist, geben wir's zu, meist banaler als es sich in Hollywoodfilmen darstellt (weshalb ANOMALISA auch über Crowdfunding finanziert wurde). Kaufmann zeigt sich weniger verspielt und verspult als früher, hat aber an Konzentration und künstlerischer Kraft gewonnen. Willkommen zurück, Charlie, Du hast uns gefehlt!
ROG