Beuys

D 2017

„Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei. Sonst nicht.“ Joseph Beuys. Ein Porträt.

Regie
Andres Veiel
Länge
107 min
Programm

Fettecken, ein in Filz verpackter Flügel, ein toter Hase, dem die Kunst erklärt wird – noch heute löst das Kunstverständnis Joseph Beuys’ unterschiedliche Reaktionen und Emotionen aus. Oft wurde dem Mann mit dem Hut Scharlatanerie und Schlimmeres vorgeworfen, dessen inhaltliche Schwammigkeit nur durch sein persönliches Charisma verdeckt würde. Was Beuys mache, sei keine Kunst, war seinerzeit Kritikstandard, und nicht wenige Menschen konnten sich 1973 mit den beiden Genossinnen aus dem SPD-Ortsverein Leverkusen-Alkenrath identifizieren, die anlässlich einer Feier versehentlich eine vom Künstler mit Fett, Mullbinden und Heftpflastern ausgestattete Wanne blankputzten und zum Gläser-spülen verwendeten. Schon damals ein Schadensfall von 80.000 DM. Wie der Künstler auf die Bereinigung seiner Plastik reagierte, ist nicht überliefert. Grundsätzlich entsprachen Empörung oder gar aggressive Ablehnung den Reaktionsmustern in seiner Idee künstlerischen Wirkens, denn erst durch die Provokation und die daraus resultierende Haltung des Publikums käme ein Gespräch zustande. Es ist dem Dokumentarfilmer Andres Veiel hoch anzurechnen, dass er nicht den Versuch unternimmt, die Werke von Beuys mehrheitstauglich zu interpretieren oder dessen erweiterten Kunstbegriff auf ein theoretisch-ideologisches System herunterzubrechen. Stattdessen nähert er sich der facettenreichen Persönlichkeit, indem er den Künstler und Professor überwiegend selbst zu Wort kommen lässt. Wunderbar zusammengestellte Archivbilder, meist in Schwarz-Weiß, zeigen den ebenso unerbittlichen wie sensiblen Charakter, den Radikalen wie den Zerbrechlichen, den eifernden, humorigen Überwinder der modernen Kunst wie den antikapitalistischen Weltverbesserer, der an der Gründung der Grünen aktiv beteiligt war, um von der Bewegung alsbald zurückgelassen zu werden. Herausgekommen ist ein unaufdringliches, künstlerisches Porträt, das uns den Menschen Beuys näherbringt, das bis zum Erbrechen zitierte Wort »Jeder Mensch ist ein Künstler« von seiner abgegriffenen Nichtigkeit entlaubt und dadurch – vielleicht – ein tieferes Verständnis für das ermöglicht, was ihn zum wichtigsten Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts machte.
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