Christo - Walking on water

IT/D 2019

Vor dem malerischen Bergpanorama der italienischen Alpen realisierte der legendäre Installationskünstler Christo 2016 auf dem Lago d’Iseo seine »Floating Piers«. Mit leuchtend gelben Stoffbahnen bespannte Stege aus schwankenden Pontons verbanden die beiden Inseln Monte Isola und San Paolo mit dem Ufer und zeichneten ein abstraktes Kunstwerk in die Landschaft. Das Werk existierte nur für 16 Tage, ermöglichte es aber über 1,2 Millionen Besuchern, auf dem Wasser zu laufen.

Regie
Andrey Paounov
Länge
105 min
Programm
Yorck loading

Kunst braucht einen langen Atem. Insbesondere die Installationen des visionären Paares Christo und Jeanne-Claude, die 2009 weit vor der Zeit verstorben ist, benötigten in aller Regel lange Anläufe, große Überzeugungskraft und reichlich Diskussionsstehvermögen. Zwischen Planung und Verpackung der Pariser Brücke Pont Neuf vergingen zehn Jahre, die Skizzen für die Verhüllung des Reichstages in Berlin 1995 waren bereits Anfang der 70er-Jahre fertig. Die Floating Piers aber, die es 2016 etwa 1,2 Millionen Menschen ermöglichten, über das Wasser des Lago d’Iseo am Fuße der italienischen Alpen zu wandeln, wären um ein Haar schon im argentinischen Rio de la Plata 1969 entstanden. Mit welchen Schwierigkeiten es der so kreative wie ungeduldige Geist Christo und sein Neffe und Mann fürs Grobe und bei Bedarf auch für Grobheiten, Projektleiter Vladimir Yavachev, zu tun bekommen, davon erzählt Andrey Paounov, der dazu 700 Stunden Filmmaterial von zehn Kamerateams auswertete, die vor und während des Projekts dem Künstler über die Schulter filmten. Ganz offenbar ist es kein Pappenstiel, 220.000 würfelförmige Kanister miteinander zu verbinden, am Grund des Sees zu verankern, mit 100.000 Quadratmetern orangefarbenem Stoff zu überziehen und daraus eine wellenbewegte Flaniermeile zu zaubern, die 11.000 Menschen gleichzeitig trägt. Es ist zweifellos auch kein Spaß, jahrelange Auseinandersetzungen mit den Behörden zu führen, die Gier der potenziellen Mitverdiener zu kanalisieren und dabei die eigene Wirtschaftlichkeit im Auge zu behalten. Wunderbar zu sehen, wie der selbstlose Schöpfer geistigen Guts mit Hilfe des tüchtigen Neffen die marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten des Irdischen für sich in Anspruch nimmt. Freilich zuallererst, um die Kosten des Projekts vollständig aus eigener Tasche bezahlen zu können. Paounov verweist auf die Widrigkeiten der Natur während des Aufbaus, den Ärger mit dem Personal oder die Albernheiten des lästigen, versnobten Kulturbetriebs – all das Grausige für einen zweiwöchigen Moment erhabener Schönheit. Mit den Worten Christos: »Unsere Werke sind alle komplett nutzlos. Wir schaffen sie nur, weil wir sie gerne anschauen möchten.«
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