Elle

F/D 2016

Zunächst hört man nur und weiß nicht, ob es Leidenschaft oder Gewalt ist, die sich da abspielt. Dann das Gesicht der Zeugin, einer Katze: unbeteiligt, rätselhaft. Schließlich die Enthüllung, aber die Reaktion von Michèle, die soeben in ihrem luxuriösen Heim brutal vergewaltigt wurde, ist so rätselhaft, wie die Mimik der Katze. „Oh...“ sagt sie dazu im Roman, im Sinne von „Wie ungelegen!“. Im Film nimmt sie ein Bad und bestellt dann Sushi beim Lieferservice.

Regie
Paul Verhoeven
Besetzung
Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Sonsigny, Charles Berling, Christian Berkel
Länge
130 min

Zunächst hört man nur und weiß nicht, ob es Leidenschaft oder Gewalt ist, die sich da abspielt. Dann das Gesicht der Zeugin, einer Katze: unbeteiligt, rätselhaft. Schließlich die Enthüllung, aber die Reaktion von Michèle, die soeben in ihrem luxuriösen Heim brutal vergewaltigt wurde, ist so rätselhaft, wie die Mimik der Katze. »Oh …« sagt sie dazu im Roman, im Sinne von »Wie ungelegen!«. Im Film nimmt sie ein Bad und bestellt dann Sushi beim Lieferservice. Es ist irritierend wie wenig der Vorfall sie zu erschüttern scheint, sie steht nicht unter Schock. Oder vielleicht ja doch, aber dieser Schock liegt schon ein ganzes Leben zurück. Jedenfalls funktioniert Michèle weiter ebenso gut, oder schlecht, wie vorher und sie braucht gerade all ihre Kraft: Das aktuelle Projekt ihres erfolgreichen Unternehmens (ein recht abartiges Videospiel) ist überfällig, ein Angestellter fordert sie heraus, sie wird mit obszönen Mails belästigt. Alle ihre persönlichen Beziehungen sind Minenfelder und alle ihre Bekanntschaften zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier an einen Tisch zu bringen, ist unter diesen Umständen ein explosives Vorhaben. Zugleich treibt sich der Vergewaltiger noch in ihrer Gegend herum, und es gibt Hinweise, dass es ein Bekannter sein muss. Aber der soll es ruhig wagen, noch einmal zu kommen – falls sie ihn nicht zuerst findet! ELLE ist ein faszinierender Wechselbalg von einem Film. Teils Psychodrama, teils Thriller und teils perfide Gesellschaftssatire à la Chabrol droht er in jedem Augenblick in seine dramaturgischen Einzelteile zu zerspringen und wird dann doch durch Verhoevens souveräne Inszenierung und Hupperts intensive Präsenz beisammengehalten, während er der zwiespältigen Heldin folgt, die alles Mögliche ist, aber kein leichtes Opfer. In seiner Grundaufstellung (die Frau geheimnisvoll und manipulativ, der Mann schwach und triebgesteuert, die Anziehung zwischen ihnen gefährlich und potentiell tödlich) erinnert der Film an eine aktualisierte französische Version von Verhoevens Klassiker BASIC INSTINCT, ist dabei aber noch um einiges komplexer und abgründiger. Ein starkes Stück und nichts für Zartbesaitete!
rog