Grüße aus Fukushima

D 2015

Obwohl beide total unterschiedlich sind, lernen die junge Marie und die alte Geisha Satomi in dieser „Education sentimentale“, sich von ihren belastenden Erinnerungen zu befreien. Eine unglaublich anrührende Seelenreparatur in eindrucksvollem Schwarzweiß im Sperrgebiet der verstrahlten Zone nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Dabei besticht besonders die schauspielerische Leistung der jungen Hauptdarstellerin Rosalie Thomass. Ihr bei den Wechselbädern der Gefühle zwischen Enttäuschung, Wut, Hoffnung und Bemühen zuzusehen, ist sehr berührend.

Regie
Doris Dörrie
Besetzung
Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Aya Irizuki
Länge
108 min

Arbeit, soziales Habitat, Partner und ähnliche ­Parameter wirken dabei suspekt bis unangemessen? Die junge Marie verzweifelt schier an ihren, diesen wiederkäuenden Gedanken und macht den Riesenschnitt: Vermutlich aus Altersgründen hofft sie, irgendwo gebraucht werden zu können – um endlich zu sich zu finden. Sie fliegt also nach – Japan und wenn schon, dann will sie gleich nach Fukushima-Daiichi bzw. in die Nähe des zufällig zerstörten Kernkraftwerkes, um hilfreich tätig zu werden. Als Clown(in) soll sie den Restbewohnern einer der vielen provisorischen Unterkünfte, außerhalb der von der Regierung bestimmten Sonderzone, etwas Farbe in den alugrauen Alltag bringen. Sie verzweifelt wieder. Und wir mit ihr, an ihr. Diese große, unbeholfene deutsche junge Frau tappt in so viele, schon immer aufgestellte und damit auch bekannte Fallen, dass wir uns doch Fragen über ihre Reisevorbereitungen stellen … Satomi, eine der Gestrandeten in den Baracken, nimmt für uns die Fäden in die Hand und wählt die unbedarfte Ausländerin als Fluchtgehilfin –ins ›rückkehrunmögliche Gebiet‹; so der offizielle Begriff für die ca. 20-km-KKW-Sperrzone. Ist es nicht erstaunlich, wie weit entfernt für uns hier inzwischen ›Fukushima‹ liegt? Ein Name, der bei einigen noch einen Grusel hervorruft, bei mehreren gerade noch bekannt ist als Auslöser für ›unseren‹ Ausstieg aus der Kernenergie (»Wir schaffen das«). Aber wie auch Tschernobyl, zwar wesentlich näher, liegt es inzwischen wohl auf einem anderen Planeten. Es ist weder Sympathie noch Hilfsbereitschaft, die Satomi verströmt, sie will einfach zurück nach Hause und greift zur sich bietenden Gelegenheit: Marie. Jetzt beginnt für mich der eigentliche Film, der sich ab und zu in der langen Exposition verhedderte, aber nun aufdreht. Was wir miterleben, sind zwei aus der Welt Geworfene, die sich nicht mit der Realität einigen können. Wie sich Satomi und Marie im unterschiedlichen Leid annähern und sich langsam finden – das ist schön, anrührend und direkt fühlbar. Egal woher wir kommen. Wir können einander helfen.
geha