Mein Ein, Mein Alles

F 2015

Nach einem schweren Skiunfall wird Tony (Emmanuelle Bercot) in ein Reha-Zentrum gebracht. Dort muss die junge Frau nicht nur mühsam das Gehen neu erlernen, sondern auch ihr inneres Gleichgewicht wiederfinden. Zeit, um auf ihre turbulente Beziehung mit Georgio (Vincent Cassel) zurückzublicken: Warum haben sie sich geliebt? Wer ist dieser Mann, dem sie so verfallen war? Und wie konnte sie es zulassen, sich dieser erstickenden, zerstörerischen Leidenschaft auszuliefern? Vor Tony liegt ein langer Heilungsprozess, aber auch eine Chance, die Stücke ihrer zerbrochenen Persönlichkeit neu zusammenzusetzen und am Ende wieder frei zu sein…

Regisseurin Maïwenn erhielt 2011 in Cannes die Goldenen Palme für POLIEZEI. Emmanuelle Bercot erhielt für ihre Darstellung 2015 in Cannes den Preis als beste Schauspielerin.

Regie
Maïwenn Le Besco
Besetzung
Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel, Isild Le Besco
Länge
128 min

»Sie haben sich das Knie verletzt«, sagt die Therapeutin/Psychologin, »das Knie steht dafür, dass Sie nicht loslassen können.« »Und wenn ich mir die Schulter verletzt hätte?«, fragt Tony. Antwort: »Sie haben sich aber das Knie verletzt!« Die ersten Sequenzen des Films über das Ende einer zehnjährigen Liebesgeschichte zwischen Tony und Georgio, aus der ein Sohn hervorgegangen ist. Dieses Kind ist ein Wunschkind, er wollte es. Die Szenen mit dem Kind und den Eltern, die sich nicht verstehen, eigentlich noch nie verstanden haben, es klappt offenbar nur im Bett, und das ist ja schon eine ganze Menge, sind sehr gelungen. Die dokumentarisch anmutende Beschreibung der von Anfang an verkorksten Liebe, von der ersten Begegnung – er ist der umschwärmte Besitzer eines Edelrestaurants - bis zum erfüllten Kinderwunsch und schließlich dem getrennten Wohnen, ist dagegen zunächst schwer zu ertragen. Sie ist schwanger, er zieht aus, der Gerichtsvollzieher kommt, treibt seine Steuerschulden ein, die Möbel ihrer Großmutter werden gepfändet, ein gepflegter Albtraum. Bis klar wird, es geht um mehr als die psychische Gewalt, die der Mann der Frau zufügt und die sie immer wieder erträgt, es geht um ein Frauenbild, das wir meinen, schon lange hinter uns gelassen zu haben. Ein traditionelles, längst überwundenes Machtgefüge wird vorgeführt. Sind die beiden, die Leidende und der Macho, wirklich von einem anderen Stern? Die psychische Gewalt ist subtil, droht in Handgreiflichkeiten umzukippen, und die Frau ist ausgesprochen beratungsresistent, sie liebt diesen Mann, trotz aller Enttäuschungen. Diese Unbeirrbarkeit ihrer Liebe gerät erst ins Wanken, als sie sich auf Skiern den Abhang runterstürzt und sich das Bein verrenkt. Des Menschen Herz ist ein Abgrund (Georg Büchner). Die Frau nutzt die Zeit der Genesung, um die Tiefe des Abgrunds ihrer Beziehung auszuloten, die Leere zu erkennen. Ich fürchte, sie begreift, dass sie Jahre mit ihm verplempert hat. Keine angenehme Erkenntnis. Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel geben dem Paar eine irritierende Heutigkeit. Das ist das Subversive an dem Film.
ges