Brandneue Testament, Das

BE, FR 2015

Gott existiert. Er lebt in Brüssel. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn der Allmächtige ist kein weiser Weltenlenker, sondern ein Familienvater, der frustriert im Bademantel durch die Wohnung schlurft und den ganzen Tag lang Frau und Tochter Éa tyrannisiert. Ansonsten hockt Gott vor seinem Computer und tüftelt mit diebischer Freude jene dummen, sadistischen Gebote aus, die zu den Fragen führen, die die Menschheit bewegen: Warum fällt der Toast immer auf die Marmeladenseite, und weshalb erwischt man im Supermarkt grundsätzlich die langsamste Schlange? Als wäre das nicht schon schlimm genug, lässt er immer wieder Dampf ab, indem er Naturkatastrophen oder Kriege arrangiert. Irgendwann hat Éa die Nase voll. Höchste Zeit für eine Lektion, findet sie. Und hackt sich in Gottes Computer ein.

Regie
Jaco van Dormael
Besetzung
Benoît Poelvoorde, Yolande Moreau, Catherine Deneuve
Länge
116 min

Gespickt mit irrwitzigen Einfällen erzählt Regisseur Jaco Van Dormael ein Märchen über Gott, Göttin, die 18 Apostel und die Welt! Mit dabei: Vögel, ein Gorilla und Catherine Deneuve. Abgeschafft wurde er öfter, sogar sein Tod war schon beschlossene Sache, zumindest philosophisch – doch nun kommt es richtig dicke: Gott lebt als verlotterter Tyrann in Brüssel. Mit alttestamentarischem Zorn und gelangweilter Bosheit beglückt er von hier aus die Menschen mit Kriegen und Katastrophen. Vor allem aber heckt er an seinem weltbewegenden Rechner alltägliche Gesetzmäßigkeiten aus wie jene von der Stulle, die – wenn sie fällt – immer auf der Marmeladenseite landet. Zu Hause unterdrückt er seine Frau und verprügelt schon mal leidenschaftlich die aufmüpfige Tochter Éa. Bis diese, nach Absprache mit Bruder JC, der als instabile Statue an den verlorenen Sohn erinnert, beschließt, den Sinn alles irdischen Daseins mit einem neuen Testament zu füllen. Also schleicht sie an Papas ollen Computer und entmystifiziert das Leben an sich, indem sie jedem Handy-Besitzer auf Erden eine SMS mit dem persönlichen Sterbedatum schickt. Dann sucht sie willkürlich sechs Lebensläufe aus, mit denen sie die Zahl der Apostel auf 18 erhöhen könnte, und flüchtet durch den Waschmaschinenausgang, um mit kleinen Wundern die Auserwählten auf den rechten Pfad zu bringen. Wutentbrannt zwängt sich Gott ebenfalls durch die Waschmaschine und begibt sich unter seine Schöpfung, um Éas Verfolgung aufzunehmen. Gott lebt – als verlotterter Tyrann in Brüssel. Was folgt, ist ein spektakuläres Sammelsurium an filmischen Einfällen, wunderbar skurrilen Albernheiten, aber auch Momenten zarter Melancholie und Tiefgründigkeit, die Regisseur Jaco Van Dormael mit erstaunlicher Leichtigkeit inszeniert. Das Gerüst seines BRANDNEUEN TESTAMENTS sind dabei die Geschichten der nur vordergründig unterschiedlichen Apostel, deren Leben durch das Einwirken der Nachwuchsgöttin entscheidende Wendungen nehmen. Bis in die kleinste Rolle hat Van Dormael offenbar seine Idealbesetzung gefunden, allen voran den absolut ungöttlichen Gott Benoît Poelvoorde und die entzückend lässige Pili Groyne als Éa. Auch die tatsächliche Göttin des Films, Catherine Deneuve, bastelt mit einem bizarren Auftritt weiter an der eigenen Legende. Das Ende wird natürlich nicht preisgegeben, eines aber dürfen wir verkünden: Göttinnen machen die Welt viel, viel bunter!
Lars Lucke