Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft

GB/USA 2016

Die Begegnung des legendären Lektors Max Perkins mit dem noch sehr unbekannten, dafür aber sehr extrovertierten, Schriftsteller Tom Wolfe schrieb Literaturgeschichte. Regisseur Michael Grandage erzählt diese Künstlergeschichte aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren New Yorks mit atmosphärisch dichten Bildern und weit weniger donnernd, als es die Sprache Thomas Wolfes vermuten ließe. Stattdessen setzt er auf die intellektuellen Auseinandersetzungen seiner virtuosen Hauptdarsteller Jude Law und Colin Firth.

Regie
Michael Grandage
Besetzung
Colin Firthn, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West
Länge
104 min

Mit Absagen hat der extrovertierte Thomas Wolfe nicht zu knappe Erfahrungen gesammelt. Seine gefühlsintensiven, wortgewaltigen Schreibausbrüche wanderten schon oft als ungezähmte Blattsammlungen über die Schreibtische wenig geneigter Verleger, um in Begleitung gedrungener Ablehnungsprosa in seinen Briefkasten zurückzukehren. Ähnliches erwartet er von seinem Besuch bei dem legendären Lektor Max Perkins, der bereits die Talente F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway herausgebracht hat. Perkins bleibt die poetische Radikalität des Autors nicht verborgen, doch das Werk muss für die Leserschaft drastisch beschnitten werden. Nach intensiver Zusammenarbeit wird Schau heimwärts, Engel! schließlich veröffentlicht, sofort ein Bestseller und Wolfe zum aufgehenden Literaturstern der amerikanischen Moderne. Der zweite Streich soll folgen, doch der enthemmte Schriftsteller findet kein künstlerisches Maß und liefert ein chaotisches Manuskript ab – kistenweise. Zwei Jahre ringen der Lektor und der dauerproduzierende Künstler um jedes Wort, werden enge Freunde und entfernen sich dabei von ihrer Familie (Perkins) und ihrer Geliebten (Wolfe), die höchst unterschiedlich darauf reagieren. Auch das zweite Werk wird von der Kritik gefeiert, doch an der Freundschaft nagt längst ein wilder Zweifel: Was wäre Wolfes ungezügelte Prosa ohne die stutzenden Ideen seines Lektors wert? Regisseur Michael Grandage erzählt seine Künstlergeschichte aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren New Yorks mit atmosphärisch dichten Bildern und weit weniger donnernd, als es die Sprache Thomas Wolfes vermuten ließe. Stattdessen setzt er auf die intellektuellen Auseinandersetzungen seiner virtuosen Hauptdarsteller Jude Law und Colin Firth, die er – entsprechend seiner Vergangenheit als Theaterregisseur – kammerspielartig aufeinander loslässt. Unterstützt werden die beiden von großartigen Nebendarstellern, allen voran Nicole Kidman, deren helles Nebenrollenlicht freilich in erster Linie zur Ausleuchtung der Frontmänner gereicht. Vielleicht hält genius nicht in jeder Sekunde Überraschendes bereit, aber kalt lässt dieses Literaturdrama nur solche Bedauernswerten, die nicht zu lesen verstehen.
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