Captain Fantastic

USA 2016

Tragikomische Gesellschaftskritik, die mit der „Bill of Rights“ so präzise umgeht wie mit sexueller Aufklärung oder dem Jagdmesser. Ein Film für die ganze Familie, nur nicht für jede …

Regie
Matt Ross
Besetzung
Viggo Mortensen, Frank Langella, George MacKay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Kathryn Hahn
Länge
118 min

Vor vielen Jahren haben sich Ben und Leslie in die Wildnis zurückgezogen, um ihre individuelle Utopie zu verwirklichen. Fernab der konsumgeilen Stromlinienförmigkeit des Kapitalismus versuchen sie, ihre sechs Kinder zu kritischen, starken und intellektuellen Freidenkern großzuziehen – zu Platons Philosophenkönigen. Zum Alltag gehören sportliches Training von Yoga bis Klettern, das Erlegen und Entbeinen von Hirschen und eine kontroverse Debattenkultur, in der die am Tage gelesenen Bücher analytisch aufgearbeitet werden. Statt alberner Weihnachtskobolde feiert die Familie den Noam-Chomsky-Day, um einen echten Humanisten zu ehren, statt Computerspiele packen die Kids Kampfmesser aus. Doch der naturnahe Lebensentwurf gerät aus den Fugen, nachdem Leslie infolge schwerer Depressionen in einer Klinik Selbstmord begangen hat. Ihre Eltern wünschen ein christliches Begräbnis, obwohl das Testament der buddhistisch inspirierten Tochter besagt, ihre Asche möge in einer öffentlichen Toilette hinuntergespült werden. In einem alten Schulbus bricht die Familie zur Vollstreckung des letzten Willens in die sogenannte Zivilisation auf – Welten prallen aufeinander, alle Beteiligten werden in den Grundfesten ihrer Überzeugungen erschüttert.
 Mit CAPTAIN FANTASTIC hat Regisseur Matt Ross ein brillantes Stück Gegenkultur zum Leben erweckt, wobei er sich kaum des Vorwurfs erwehren muss, bei seiner Rollen- und Sympathieverteilung allzu subtil vorgegangen zu sein. Die Geschichte funktioniert wunderbar mit klischeehaften Übertreibungen, weil sie ein ums andere Mal gebrochen werden. Weil der großartige Viggo Mortensen zwischen Henry D. Thoreaus Walden und einem Sektenanwesen für Hochgebildete hin- und hergleitet, weil die krachende Kapitalismuskritik riesen Spaß macht, wir uns aber beständig ertappt fühlen, und nicht zuletzt weil Religion und Freiheit von der Religion gleichermaßen in den Orkus führen. CAPTAIN FANTASTIC ist urkomisch, von pöbelnder Wahrheitsliebe und übertriebener Klarheit, aber mindestens genauso feinfühlig, tragisch und von berührender Wahrhaftigkeit. Und: in Amerika nicht jugendfrei, weil Mortensen in einer Szene nackig -
»It’s just a penis« sagt. Der Typ!
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