Seefeuer

IT, FR 2016

Der Gewinner des Goldenen Bären 2016 blickt klug und unsentimental auf das Los der Flüchtlinge, die täglich auf der Insel Lampedusa stranden - und damit auf die Tragödie der Welt an sich.

Regie
Gianfranco Rosi
Länge
109 min

Als Regisseur Gianfranco Rosi zum Abschluss der Berlinale 2016 aus den Händen von Jury-Präsidentin Meryl Streep den Goldenen Bären entgeentgegennahm, sagte er sichtlich bewegt: »Wir leben in einer Welt, in der gerade viele Mauern und Grenzen gezogen werden. Am meisten habe ich Angst vor den geistigen Grenzen, die hochgezogen werden.« Damit verwies er eindrücklich darauf, worum es ihm mit seiner Dokumentation geht: Rosi will den Blick für die alltägliche Gewalt schärfen, die Menschen anderen Menschen antun, indem sie Fremde ausgrenzen, Flüchtlingen Hilfe verweigern oder sich gegenüber dem Schicksal Verfolgter einfach nur gleichgültig verhalten. Der Regisseur zeigt, was die Welt seit Jahrzehnten sehen könnte, blickte sie nicht weg: den Alltag auf der zu Italien gehörenden Insel Lampedusa. Nahezu täglich stranden hier Flüchtende, überwiegend aus Afrika. Sie kommen unter Lebensgefahr auf Booten, die nicht selten Todesschiffe sind. Oft sterben Leute, ehe sie die vermeintliche Rettungsinsel erreichen. Auf der Insel ist es wie derzeit auch in vielen deutschen Städten: die Fremden, die aus der Ferne Gekommenen, Die Hilfesuchenden spielen im Alltag der meisten Einheimischen kaum eine Rolle. Der eine oder andere engagiert sich, hilft. Die meisten aber murmeln allenfalls Floskeln des Bedauerns. Oder nicht einmal das. Schockierend an Rosis Film ist nicht, dass er das Sterben zeigt, ist nicht, dass er ohne Tünche auf das Elend der Gehetzten blickt, ist nicht, dass er die Hilflosigkeit des italienischen Staates dokumentiert. Schockierend ist, dass all das, was er zeigt, weltweit alltäglich ist. Um das zu spiegeln, braucht der Regisseur keine ausgeklügelten Bildkompositionen und kein einziges kommentierendes Wort. Dadurch bekommt der Film eine ungeheure Intensität. Diese Wahrhaftigkeit bringt vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken und damit dazu, den auch hierzulande aktiven politischen Bauernfängern, die nur Symptome anprangern, aber nie nach Ursachen fragen, die mehr und mehr geistige Grenzen und wirkliche Mauern ziehen wollen, das Handwerk zu legen. Es ist der Film zur Stunde.
pit