Vor der Morgenröte

D/A 2016

Fünf Episoden, ein Leben im Exil. Auf unkonventionelle Weise erinnert die Regisseurin Maria Schrader an den verfemten Schriftsteller, Pazifisten und überzeugten Europäer Stefan Zweig.

Auf dem Höhepunkt seines weltweiten Ruhms wird Zweig in die Emigration getrieben und verzweifelt angesichts des Wissens um den Untergang Europas, den er schon früh voraussieht. Die Geschichte eines Flüchtlings, die Geschichte vom Verlieren der alten und dem Suchen nach einer neuen Heimat.

Rio de Janeiro, Buenos Aires, New York, Petrópolis sind vier Stationen im Exil von Stefan Zweig, die ihn trotz sicherer Zuflucht, gastfreundlicher Aufnahme und überwältigender tropischer Natur keinen Frieden finden lassen und ihm die Heimat nicht ersetzen können. Ein bildgewaltiger historischer Film über einen großen Künstler und dabei ein Film über die Zeit, in der Europa auf der Flucht war.

Regie
Maria Schrader
Besetzung
Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly Hübner
Länge
106 min

Früh – oder vielleicht doch gerade rechtzeitig – entschied sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig 1934, seine Heimat zu verlassen und ins Exil zu gehen. Der Berliner Bücherverbrennung im Mai 1933 waren auch seine Werke zum Opfer gefallen, weit mehr als nur eine vage Ankündigung der Barbarei, die bald auch auf die österreichischen Nachbarn übergreifen sollte. Sein Fluchtweg führte ihn über London, wo er die britische Staatsbürgerschaft beantragte, und New York bis nach Petrópolis, wo er 1942 gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte Selbstmord beging. In Deutschland längst verboten, gehörte Zweig in den Dreißigerjahren weltweit zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern, was ihm auch im Exil noch Anerkennung und ein gewisses Maß an Einfluss sicherte. Einfluss, den er zur Fluchthilfe für Kollegen und Freunde zu nutzen versuchte, kaum aber, um politische Statements abzugeben. Zu sehr war der heimatlose Europäer heimatverbunden, zu fest der Glaube an den differenzierenden Intellektuellen, dessen Position und Wirkung allein durch sein Werk erkennbar und bestimmt wird. »Ich kann und ich werde nicht auf der anderen Seite der Welt in einem Raum voller Gleichgesinnter ein Urteil sprechen«, lässt Maria Schrader ihren Zweig beim PEN-Kongress 1936 in Buenos Aires sagen und verweist auf die (moralische) Zerrissenheit des Vertriebenen. Mit Josef Hader hat die Regisseurin die ideale Besetzung für die Hauptfigur ihrer episodenhaft erzählten Biographie gefunden, die gerade keine vollständige Lebensgeschichte in zwei Filmstunden pressen möchte, sondern »nur« existenzielle Momente der Exilzeit herausgreift. Selbst in den wenigen Augenblicken des Überschwangs in der neuen Heimat Brasilien, selbst in den zarten komödiantischen Szenen zeigt Haders Gesicht das Getriebene, den Verlust und die Müdigkeit des niemals Ankommenden. Mit ihren leise und klug erzählten Ausschnitten, wunderbaren Bildern und einem exzellenten Cast ist Maria Schrader ein außergewöhnlich sensibler Film gelungen, der nachwirkt und beiläufig daran erinnert, dass Frieden, Freiheit und Demokratie in Europa alles andere als Selbstverständlichkeiten sind.
LL