Unsere kleine Schwester

JP 2015

Hier kommt eine wunderbare Überraschung: allerbeste Filmkunst, vollkommen beiläufig erzählt, und zwar nach einer in Japan sehr bekannten Manga-Serie. Im Mittelpunkt steht Suzu: ein junges Mädchen, das mit seinen drei Halbschwestern zusammenzieht. Ganz unspektakulär und dennoch spannend geht es ums Erwachsenwerden, um die Bedeutung der Familie und um Zeit: die Zeit, die man braucht oder die man sich nimmt, um zu wachsen.

Regie
Hirokazu Kore-Eda
Besetzung
Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryô Kase, Takafumi Igeka, Kentarô Sakaguchi, Ohshirô Maeda
Länge
128 min

Zerrüttete Familienverhältnisse waren bereits Gegenstand vieler guter Filme. Dabei sind es oft die Kinder, die beschädigt und um ihre Kindheit betrogen mit Narben auf der Seele aufwachsen. Auch die 15-jährige Suzu, Halbschwester dreier erwachsener junger Frauen, muss den Tod der Eltern verarbeiten. Ohne die Hilfe der Stiefmutter hat sie den kranken Vater betreut und trifft bei dessen Beisetzung zum ersten Mal die drei anderen Töchter aus der ersten Ehe des Vaters. Vor langer Zeit hatte er seine Familie verlassen und der Kontakt war abgebrochen. Die jungen Frauen unterstützen freudig den Vorschlag der Ältesten, die junge Suzu mit zu ihnen nach Hause zu nehmen. In der kleinen Küstenstadt Kamakura bewohnen sie ein großes altes Haus allein, da auch ihre Mutter nach dem Weggang des Vaters verschwunden ist. Die Älteste, Sachi, hatte daraufhin die Mutterpflichten übernommen. Einfühlsam wird ihre Rolle als Erzieherin und Versorgerin der beiden Schwestern geschildert. Obwohl das Zusammenleben aller Beteiligten von jedem ein hohes Maß an Zugeständnissen erfordert, gehen sie sehr respektvoll miteinander um. Verhalten und oft nur beiläufig dringt die schwierige Vergangenheit der vier Bewohnerinnen in ihr neues Miteinander und sowohl die ländliche Idylle, als auch die Bewohner des Ortes oder die unglaublich höfliche japanische Umgangskultur nehmen den Betrachter gefangen. Im Zyklus der Jahreszeiten lernen die vier Schwestern sich zu erinnern, ohne in Trauer zu verharren, beginnen sie immer mehr die Gegenwart für sich zu gestalten. »Unser Vater war ein Taugenichts. Aber er hat uns die kleine Schwester hinterlassen ...« Mit diesen Worten beschreibt Sachi die wachsende Zuneigung der drei Frauen zu ihrer neuen Mitbewohnerin und deren Einfluss auf die weitere Entwicklung aller. Die Regiearbeit von Kore-Eda ist wie ein Haiku (japanische Gedichtform). Meist mit einem Bezug zu den Jahreszeiten erschließen sich die Texte erst im Erleben des Lesers. Der Film ist still, ruhig und wunderschön – ein Erlebnis.
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